Bild NoaNoa Gauguin
Brief an einen Freund
anlässlich einer Fernsehsendung mit Roger Willemsen
anlässlich eines neuen Buches, das er zusammen mit Dieter Hildebrandt
anlässlich einer Kabarrettreihe über die Lüge veröffentlicht hatte.



Das Bild links stammt von Gauguin und ist der Einband des Buches Noa Noa

Lieber Roger    20.11.2007

Du erinnerst Dich, wir hatten öfter über Deinen Namensvetter Roger Willemsen gesprochen, den Journalisten, der vor Jahren eine Sendung im Fernsehen hatte, bei der er immer mit sehr interessanten Menschen sehr interessante Gespräche führte. Gestern habe ich etwas gezappt, und die letzten Minuten eines Interviews bei Phoenix gesehen, in der er über ein neues Buch sprach, das von Lügen, in der Geschichte und in der Politik, handelte.

Nun hat er also dieses Buch geschrieben, über die Lüge, das ich eigentlich schreiben wollte. Mein Buch sollte „Von Lügen und Tabus“ heißen, denn eine Darstellung der Lüge ist ohne Behandlung des Tabus unvollständig. Das Tabu ist ja sozusagen eine invertierte Lüge, das gezielte Weglassen von Dingen, die zur Wahrheit notwendig sind. Das gezielte, organisierte, geplante Weglassen könnte man auch sagen, wenn man sich tiefer damit beschäftigt.

Ich werde mir dieses Buch kaufen, schreibe diese Zeilen aber, ohne es gelesen zu haben, vielleicht kommt das oben und im Folgenden gesagte in seinem Buch ja vor. Mal sehen. Da ich gerade einen Krimi lese, der vor Details nur so strotzt: Ich kam von einer Sitzung des Elternbeirats zurück, und danach kann man nicht schlafen gehen und zum Lesen hatte ich keine Lust, also einmal durch die per Satellit empfangbaren Programme zappen, und da erwischte ich eben den letzten Teil des von einem Schwaben geführten Interviews. Roger Willemsen hat mich auch früher schon öfter mal am Zappen gehindert, wenn er grade in diesem Massenmedium dran war. Gezielt eingeschaltet habe ich schon seit 30 Jahren keine Sendung mehr, bis vielleicht auf Rockpalast und in den letzten Jahren Sandmann für meine Kinder. Wie Willemsen spricht und was er sagt zeigt, dass er Spass am Denken hat. Das ist selten, vor allem in diesem Medium. Mitte 30 hätte ich gesagt, ein guter Gedanke ist fast so gut wie ein Orgasmus, heute meine ich, er ist besser. Dass Denken Spass macht, versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln. „Freude, schöner Götterfunken“, schrieb Schiller, es könnte aber auch „Denken, schöner Götterfunken“ heissen.

In dem Interview habe ich es mutig gefunden, wie deutlich er die Lügen zum Irakkrieg hervorgehoben hat. Nun ist das auf Deutschlands Strassen ja gängige Meinung, aber ich hatte ein erfreuliches Erlebnis, weil man hier ja glaubt, dass Amerikaner und Engländer die gleichen Tatsachen aus Patriotismus anders sehen als wir, und ich bin mit zwei englischen Ehepaaren in Portugal gesegelt, nette und gebildete Leute, und die sahen ihren Blair genauso als Lügner wie Willemsen Bush und Konsorten dargestellt hat. Mir hat sich der Magen umgedreht zu sehen, wie Frau Merkel diesem Monster die Hand geschüttelt hat. Kein „anständiger Mensch“ würde sich mit solchen Verbrechern und Unmenschen an einen Tisch setzen. Und eines der großen Tabus ist ja die Zahl der Todesopfer, die dessen Terror in der Welt angerichtet hat. Wir wissen, dass 9/11 etwas über 3000 Todesopfer verursachte, und die Zahl der im Irak gefallenen westlichen Soldaten soll wohl etwas mehr als die gleiche Zahl sein. Fast nie wird jedoch gesagt, wie viel Todesopfer die Kriege im Irak und in Afghanistan bei dessen Bevölkerung und in deren Armee zur Folge hatten, obwohl sie ja wohl in Zusammenhang stehen und daher immer gleichzeitig genannt werden sollten. Es waren über 100.000 unschuldige Zivilisten, die dieses Verbrechen mit dem Tod bezahlt haben. Hier wird in bester rassistischer Manier gezeigt, dass amerikanische Menschenleben als wertvoller betrachtet werden sind als irakische oder afghanische.

Arlo Guthrie sang damals das Lied: „Last Train to Nuremberg“, in dem er forderte, die Verbrecher des Vietmankriegs vor ein Kriegsgericht wie damals in Nürnberg zu stellen. „Do I see Captain Medina, do I see the president, do I see the voters, you and me?”. Natürlich ergebnislos. Unser Glauben an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wird sich erst wieder herstellen lassen, wenn man Rumsfeld, Cheney, Blair und Bush vor Gericht sieht.

Norman Mailer hat mal gesagt, dass Patriotismus auch nur eine Erscheinungsform der menschlichen Dummheit ist. Leider geraten solch kluge Sätze immer mehr in Vergessenheit. Wie kann man Patriot sein, sein Vaterland den anderen vorziehen, wenn man doch weiss, dass es purer Zufall ist, wohin wir geboren wurden.
 
Nun also zu den Tabus. Ich bin, wie die meisten unserer Generation, sicher von jedem Verdacht des Anti-Semitismus frei. Meine Eltern haben den Krieg miterlebt und haben zu denen gehört, die die Verbrechen des Nazi-Regimes zu keinem Zeitpunkt verniedlicht haben, so wie es heute spektakulär einer blonden Moderatorin unterstellt wird, deren Eltern sich wohl etwas weniger Mühe bei der Erklärung geschichtlicher Zusammenhänge gegeben haben. Meine Mutter las viel, und ich habe ihre kleine Bibliothek geerbt, sie steht hier bei mir in Portugal in meinem Lesezimmer und wird mir noch viele schöne Abende bereiten. Es ist auch Ephraim Kishons: "Pardon, wir haben gewonnen" dabei, ein Buch, das die Annexion der erobeten Gebiet damit rechtfertigt, daß ja Russland schliesslich nach dem zweiten Weltkrieg auch Teile Polens und Polen Teile Deutschland annnektiert habe. Unsere Familie kannte keine Juden. Dass ich das Folgende mit dem Vorstehenden einleiten muss, entlarvt bereits das Tabu und die damit verbundene Unterdrückung der Meinungsfreiheit:

In der Beschreibung der Konflikte der heutigen Welt wird schlicht unterdrückt, dass der Islamismus, der Terror von 9/11, der „Krieg gegen den Terror“ und die damit verbundene Einschränkung der Persönlichkeitsrechte in den „demokratischen“ Ländern zu einem erheblichen Teil verursacht oder zumindest verstärkt wurden durch die Verbrechen Israels in den besetzten Gebieten. Es wird fast nie gesagt, dass schon diese Besetzung an sich illegal und damit ein Verbrechen ist, und es wird verschwiegen, in welcher hässlichen „Herrenmenschen“ Weise sich ausgerechnet das Volk den Palästinensern gegenüber verhält, das unter dem deutschen Herrenmenschen-Wahn so sehr gelitten hat. Schon diese Parallele zu ziehen, hätte in der Medienwelt bestenfalls Wutschreie, wahrscheinlich aber Totschweigen, also Tabuisieren zur Folge. Als kurz nach 9/11 Ariel Scharon, der nun endlich in der Hölle schmort, seine Massaker in diesen Gebieten fortsetzte, und sich anschließend weigerte, eine europäische Untersuchungskommision zu unterstützen und die Untersuchung damit verhinderte, meldete sich in Deutschland gerade mal Möllemann als Anwalt der Unterdrückten, und so einen Anwalt wünscht sich kein Gerechter. Dessen Tod, da ist man sich in der nicht gedruckten Meinung einig, wird heute auch gezielt falsch dargestellt.

Intifada und die hässlichen Selbstmordattentate sind Folge der Besetzung. Der verzweifelte junge Palästiner, (Palästinenser klingt schon irgendwie radikal) von Israel jeglicher Lebensperspektive beraubt, flüchtet sich in seine Wahnsinnstat als Vergeltung, will sein Volk befreien. In unseren Medien werden aber die willkürlichen Angriffe Israels auf palästinische Ziele als „Vergeltungsschläge“ dargestellt. Und die Tatsache, dass mehr als 10mal so viel Palästiner zu Tode gekommen sind als Israelis, und daß dieses Verhältnis israelische, eben auch rassistische Strategie ist, für jeden israelischen Herrenmenschen 10 arabische Untermenschen der Endlösung zuzuführen, wird nie ausgeführt oder kritisiert, oder eben mal in von wenigen gelesenen Zeitungen in langen, schwer zu lesenden Artikeln in einem Nebensatz erwähnt.

Sieht man die besetzten Gebiete als „annektierte“ Gebiete, so betreibt Israel ein Apartheidsregime. Es müsste die Bewohner Palestinas mit den gleichen rechten und Versorgungen ausstatten, wie die Bewohner Israels, und eben das tut es aus rassistischen Gründen nicht.

Ein Gespräch in meiner Jugend mit einem eigentlich der linken Szene angehörigen Israeli endete damit, dass dieser Antizionismus und Antisemitismus gleichsetzte.

Ähnlich ist es ja mit „Amerika-kritisch“ und „Anti-amerikanisch“. Spätestens wenn ich auf das nächste Tabu komme, werde ich sicher als Anti-Amerikaner „entlarvt“.

Zurecht sorgen wir Deutsche selbst dafür, dass die Verbrechen des zweiten Weltkriegs nicht in Vergessenheit geraten. Ganz Europa hat unter dem deutschen Wahn so sehr gelitten, und wenngleich es auch in anderen Ländern Wahnsinn und Unterdrückung gab, so wurde sie doch nirgends in so perfider Gründlichkeit ausgeführt wie von den Deutschen. Wir haben daher eine besondere Verantwortung, die Taten und deren Hintergründe nie in Vergessenheit geraten zu lassen und auf heutige Entwicklungen, die ähnliches Leid über die Menschen bringen könnten, frühzeitig hinzuweisen. Das Geschehene kann nicht Ungeschehen gemacht werden, aber es kann als Warnung dienen, damit ähnliches nie wieder geschieht. In diesem Sinne sehe ich mich als Deutscher verantwortlich, und natürlich in keiner Weise als schuldig oder gar als Mitglied eines Tätervolkes, denn ich bin erst deutlich nach dem zweiten Weltkrieg geboren. 

Ein ähnliches Bewusstsein würde ich bei den Amerikanern für den bisher größten und einzigen wirklich erfolgreichen Genozid (die Nazis haben ja ironischerweise in ihrer geisteskranken Zielsetzung auch noch „versagt“) an den Indianern erwarten. Er war, wie die deutsche, auch eine Kollektivtat des amerikanischen Volkes, aber anstatt sich dessen zu schämen, brüsten sich die Nachfahren dieser Massenmörder mit Pioniertaten.

Wenn wir heute verhindern wollen, dass der Iran sich mit Atomwaffen ausstattet, so wird nie erwähnt, dass nur eine Nation diese Waffen (zur Kriegsentscheidung völlig überflüssig) bereits zwei mal gegen eine unschuldige und hilflose Zivilbevölkerung eingesetzt hat. Wer Hiroshima und Nagasaki einmal besucht hat, der wird diese innere Wut über den Zynismus der Amerikaner, sich als Atomwaffen - Verhinderer aufzuspielen nicht mehr los. Amerika geht es nicht um Atomwaffenverhinderung, sondern um deren Monopolisierung.

In dem Interview erwähnte Willemsen Pearl-Harbour als Lügenbeispiel, und ich werde mit Interesse lesen, was damit gemeint war, wahrscheinlich die Tatsache, dass der Angriff ja gar nicht unvorbereitet kam.

Als ich Hawaii besuchte, habe ich mich für dessen geschichtliche Hintergründe interessiert, und gelernt, dass diese Inseln, die eigentlich weder Japan noch Amerika gehören und insofern von beiden gleichviel oder gleich wenig beansprucht werden können, erst Anfang des letzten Jahrhunderts defacto und erst im Jahr 1959 de jure von Amerika annektiert wurden. Diese Annektierung ist nicht legaler und verständlicher als die Annektierung der „Tschechei“ durch Hitler oder dessen Besetzung Polens. Weit entfernt, mich auf die Seite des japanischen Regimes zu stellen, aber warum sollen die Expansionsgelüste Amerikas, die zu dieser Annexion geführt haben, rechtmäßiger sein als die Expansionsgelüste Japans, die zum Angriff auf Pearl Harbour geführt haben?

Nun, das alles sind politische Tabus. Sie erklären sich wohl damit, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Damit ist sie nicht die Wahrheit. Und um zu siegen, muss man an Kriegen teilnehmen, oder sie anzetteln. In einer Zeit, in der wir Kriege als so selbstverständlich hinnehmen, tat es gut und bedarf es der ständigen Wiederholung, dass eben diese Lüge, die Kriegslüge, durch nichts zu rechtfertigen ist.

Die Mitschüler meines 9-jährigen Sohnes haben Starwars Spiele auf ihren Konsolen und die Filme, die selbst nach amerikanischen Regeln erst ab 12 geeignet sind, alle gesehen und finden das cool. Ich werde von den Eltern häufig komisch angeschaut, wenn ich darauf hinweise, dass das „Krieg der Sterne“ heißt, dass Krieg immer etwas Böses ist, und dass es eben eine Lüge ist, zu behaupten, es gäbe da eine gute und eine böse Seite. Im Krieg sind beide Seiten böse, Hitler und Stalin, Saddam und Bush, Bin Laden und Bush. Und beide Seiten lügen.

Wenn Starwars Figuren und Raumschiffe mittlerweile von Lego hergestellt und vermarktet werde, so ist das nicht die zufällige Erschließung neuer Märkte für Plastikspielzeug. Es ist das systematische Herabsetzen der Hemmschwelle für Waffengewalt bei Kindern. Mit dem Ziel, diese Kinder frühzeitig auf ihre Rolle als Kanonenfutter für zukünftige Kriege vorzubereiten. Wenn ich so was sage, gucken mich die meisten ganz komisch an. Es klingt wohl wie eine Verschwörungstheorie zwischen Bush und Lego.

Ein weiteres Tabu ist die „Trennung von Kirche und Staat“. Wenn man das in der Schule lernt  und dann mit der Wirklichkeit vergleicht, muss man Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit der Erwachsenen bekommen. Dass eine Religion, deren Kern darin besteht, die Geburt Gottes Sohns durch eine mit einem Zimmermann verheiratete Jungfrau (??) zu behaupten, so starken Einfluss hat, lässt sich damit erklären, dass die Mächtigen dieser Welt nie wollten, dass das Volk denkt, sondern dass es glaubt, egal wie unsinnig das von oben vorgegebene auch sein mag. Dass diese Religion, die Verbrechen wie den Dreißigjährigen Krieg, die Missionierung, die Inquisition und andere  zu verantworten hat, weiter bestehen darf, könnte ein Zeichen von Nachsicht und Toleranz sein, die man den Nachfolgern dieser Verbrecher zukommen lässt, den Nachfolgern mit Naziideologie jedoch nicht. Es kann aber auch damit zusammenhängen, dass die Erben der kirchlichen Verbrechen große Vermögenswerte für sich sichern konnten.

Dass aber der eigentlich säkulare Staat für die Institutionen dieser Religion die Kirchensteuer einzieht und sie als „Staatsreligion“ in den Schulen zulässt, Kreuze in Schulen aufhängt und Politikern ungestraft erlaubt von der „Überlegenheit des christlichen Menschenbilds“ zu reden, das erinnert schon sehr an die wilden „islamistischen“ Hetzen der Taliban. Natürlich ist es nicht das gleiche. Aber es ähnelt doch in der völligen Ausschaltung jeglicher Vernunft, Rationalität und Toleranz. Beiden ist, wie allen, die glauben, ihre Religion sei die richtige, gemeinsam, zu ignorieren, dass sie ihre Religion nach dem regionalen Zufall erhalten haben, in welchem Land sie geboren sind. Wäre ich in der Türkei geboren, hätte man mich im Islam erzogen, da ich in einem protestantischen Gebiet in einer katholisch getauften Familie aufgewachsen bin, habe ich erste Kommunion, Beichte und Firmung mitgemacht. Allein aus der Kenntnis der Existenz regional verteilter anderer Religionen müsste sich der Anspruch des „Allein-Selig-Machens“ oder auch nur des „Besser-Seins“ einer Religion ausschließen. Vor ein paar hundert Jahren gab es diese Kenntnis nicht. Wer heute meint, seine per Zufall anerzogene Religion sein die Richtige, der hat das Denken nicht gelernt. Er ist erfolgreiches Ergebnis einer staatlich gewollten Erziehung zum „Nicht-Denken sondern Glauben“.

Der krasse Verstoß des Staates gegen das Gebot der Trennung von Kirche und Staat müsste eigentlich einen permanenten Protest der Intelligenz zur Folge haben. Aber es scheint niemand zu interessieren, es ist ein Tabu.

Auf einem Zigeunermarkt in Algoz in Portugal traten unlängst große Gruppen von Polizisten auf und durchsuchten die von den Zigeunern angebotenen Produkte. Sie suchten Markenkopien. Vor einem Jahr habe ich mir auf so einem Markt eine Jacke von Ralph Lauren – Polo für 30 Euro gekauft. Gute Qualität, alle meinen die hat das 6-fache gekostet. Diese Produkte sind heute alle verschwunden. In China habe ich eine Versace Jeans für 20 euro gekauft. Sie ist in nichts von einer „echten“ zu unterscheiden, kein Wunder, kommen diese Produkte ja häufig aus der gleichen Fabrik. Das ich sie auf einem Markt billiger kaufen kann als in München in der Maximilianstrasse, wo ich teures Verkaufspersonal und astronomische Ladenmieten mitbezahlen muss, scheint so sehr zu stören, dass darauf Polizei angesetzt wird. Natürlich kaufe ich deswegen nicht mehr Produkte in teuren Geschäften. Diese Umsätze werden den Zigeunern und deren Zulieferern weggenommen, aber dadurch eben nicht in die Maximiliansstrasse zurückgebracht. Daher ist die Zahl, wieviel Umsätze der Industrie durch Plagiate verloren gehen würden, schlicht gelogen. Denn die Käufer von Plagiaten sind Käufer von Plagiaten und nicht Käufer von 10 mal teureren Markenprodukten. Eine Louis Vitton Plastik - Handtasche für 1000 Euro würde ich nie kaufen, eine für 50 schon.

Die Industrie hat es geschafft, das Recht so zu ihren Gunsten zu verdrehen, dass das Verkaufen von Kopien strafbar ist. Dabei ist doch zu fragen: Wer betrügt eigentlich mehr: Der Zigeuner, der die Tasche bei Herstellkosten von 20 Euro für 50 Euro verkauft, oder der Hersteller, der die gleiche oder gleichwertige Tasche für 500 verkauft? Da wird nun viel vom Schutz geistigen Eigentums gefaselt, und von Wertschöpfung, Marke etc. Aber der Marketingaufwand, der betrieben wird, um eine Marke so zu etablieren, dass sie zum 10-fachen des wirklichen Werts abgenommen wird, schafft eben keine wirklichen Werte, sondern erhöht nur überflüssig den Preis. Der Kundennutzen ist bei beiden Produkten gleich hoch.

Noch extremer ist es bei Software. „Piraterie“ wird es dort genannt, wenn jemand, der sich die Originalsoftware nicht leisten kann, eine Kopie benutzt. Am lautesten schreit deswegen Microsoft, Bill Gates, der 2006 4,6 Mrd. USD nur durch Unternehmensgewinne verdient hat, zetert, dass seinem Unternehmen enormer Schaden entsteht. Nun ist Microsoft ohnehin ein Spezialfall, denn wer soviel Geld verdient beweist bereits damit, dass er sich durch Nichteinhalten von Spielregeln bereichert. Microsoft hat ein Monopol, so eine Art Computersteuer, und will diese Ausweiten, so dass auch wirklich jeder Mensch, der mit irgendeiner Art von Computer arbeitet, diese Steuer an Bill Gates abführt. Dass er das will, ist nachvollziehbar, oder wie Steve Ballmer sagt: „99% Marketshare is not enough“. Das aber unser Rechtssystem Handlanger der reichen Softwareindustrie wird, und den Verkauf einer kopierten CD in diesen Mengen für weit über 100 Euro schützt, den, der sie aber nützt ohne diese Gebühr zu zahlen, strafrechtlich verfolgt, ist schon seltsam.

Ähnlich ist es ja bei der Musikindustrie. Emule Nutzer verhalten sich rechtswidrig. Der Industrie entsteht angeblich ein Schaden, der berechnet wird durch Downloads mal CD Preis. Als ob alle Downloader, wenn sie nicht saugen könnten, kaufen würden. Die CD wurde erfunden, um ein qualitativ hochwertiges, vor allem aber billigeres Kopiermedium zu haben als die Vinylplatte. Sie wird heute aber wesentlich teurer verkauft. Warum soll ich 20 Euro oder mehr bezahlen, wenn ich weiss, dass der Musiker nur 0,5 Euro davon bekommt, der Rest für eine im Prinzip überflüssige Vermarkungskette und Konzerngewinn draufgeht?  

In „Entdecken Sie Algarve“ stand, dass die Anzahl der Beamten in Portugal in den letzten 25 Jahren verdoppelt hat. Darin ist nicht enthalten, dass gleichzeitig ein enormer Bürokratenapparat in Brüssel aufgebaut wurde, der auch „für“ Portugals Bürger zuständig ist. Eigentlich hätte der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Bürokratie den Abbau entsprechende Bürokratien in den einzelnen Ländern zur Folge haben müssen. Wie wir aber alle wissen, ist dies nicht der Fall. Als Bürger Europas benötigen Sie bei Wohnsitzwechsel immer noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Diese steht Ihnen zu, d.h. sie darf nicht verweigert werden, und ist somit unsinnig, gleichwohl werden noch Bürokraten damit beschäftigt. Das Tabu besteht darin, jeden Hinweis darauf zu vermeiden, dass Europa lediglich den Beamten und Staatsbediensteten genutzt hat. Alle Preise sind höher, alle Kosten und Steuern steigen, und das mehr eingenommene Geld kommt keineswegs den Bürgern, sondern den staatlichen Gehaltsempfängern zugute. Und dass diese niemals eine wirkliche Massnahme zur Verringerung der Bürokratie vornehmen werden, ist ebenso selbstverständlich, wie dass Politiker keine Diätensenkung beschließen werden.

Nachdem ich diese wenigen Zeilen geschrieben habe, ist wieder einmal meine Bewunderung für all jene gestiegen, die genügend Disziplin haben, ganze Bücher zu schreiben. Wahrscheinlich find ich Teile meiner Gedanken auch in Roger Willemsens Buch wieder.

Dein Günter


Lieber Roger   12.12.2007

Da sieht man, wie reduziert die Information ist, die man in diesen Fernseh-Zapp-Zeitscheiben bekommt. Ich vermute, ich habe nur die letzten Worte des Interviews gesehen, denn ich hatte weder zur Kenntnis genommen, daß es sich bei dem Buch um eine Koproduktion von Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt handelt, noch dass es in Kabarett Form geschrieben ist. Nicht unbedingt die von mir bevorzugte Buchform.

Das Buch heisst: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!", bezogen auf jenes famose Barschel-Interview. Es ist lesenswert, sehr amüsant, säuerlich amüsant vielleicht, aber so soll diese Kunstform ja sein. Und meine erste Enttäuschung wich der Einsicht, daß der erhobene Zeigefinger über all diese Lügen sie so wenig aus der Welt schaffen würde wie diese unterhaltsame Form. Eigentlich finden sich die beiden Protagonisten in diesem Buch ja damit ab, ja erklären sogar, daß all die Lügen, unter denen heute so viele Menschen leiden, schon immer gelogen wurden, daß sich die Lügner also eigentlich in guter historischer Gesellschaft befinden und auch gar nichts ändern müssten. Wir als ohnmächtige Zuschauer und Leidtragende können zusehen, mal erbost sein, wie ich, oder besser darüber lachen, wie die Zuschauer, aber das ändert nichts. Vielleicht habe ich immer noch diese jugendliche Wut in mir, diesen Drang, das Böse zu beseitigen anstatt es die Welt regieren zu lassen.

Aber wie gesagt, bei etwas Nachdenken werde ich natürlich realistisch und schwenke auf die Linie von Willemsen/Hildebrandt ein. Ich kann mir vorstellen, daß die beiden beim Schreiben ein ähnliches Gefühl gehabt haben, eine Wut, die sie dann zugunsten humoristischer Darstellung verdrängt haben.

Das Problem mit der humoristischen Darstellung ist, daß man dem Humor Übertreibung unterstellt, was zur Folge hat, daß das Publikum die dort genannten Fakten(?) gar nicht glauben muss. Mir ging es unlängst so, als ich in einem Gespräch erwähnte, daß das Zusammenschreiben der Bibel viele Jahrhunderte nach Jesus Christus inzwischen erwiesen wäre, und dann gefragt wurde, woher ich das wisse, und ob nicht meine Quelle genauso gelogen sein könne. Und so deutlich, wie die Universalität der Lüge in dem Buch dargestellt ist, musste ich das eingestehen. Dadurch, dass wir das Weltlügen als solches akzeptieren, müssen wir alles in Frage stellen, nichts mehr glauben, werden zu Nihilisten. Ich frage mich allerdings welche Wahrheitswerte oder welche Moral dann ich meinen Kindern vermitteln soll.

Nun zu meinem Buch "Lügen und Tabus", denn die Tabus sind in Willemsens Buch ja fast gar nicht behandelt. Ich glaube im Moment nicht daß ich es schreiben werde. Es würde eine zornige Streitschrift werden, die entweder niemand liest, oder die dann irgend jemand wegen einem ungenauen Detail komplett in Frage stellen würde. Meine Wut über die allgemeine Akzeptanz der Lüge, über die Tatsache, daß die, die uns leiten sollten, uns am meisten belügen und betrügen, ist dadurch nicht gemildert.

Standardlügen:
"Der Staat, das sind wir alle"
"Die Regierung arbeitet zum Nutzen des Volkes"
"Der Satz: Soldaten sind Mörder ist falsch"
„Banken kann man Vertrauen“

Naja, aber da werde ich heute nicht mehr fertig.

Übrigens: wie Webseite von Roger Willemsen ist www.noa-noa.de. Noa Noa ist das Buch, das Gauguin 1900 in der Südsee schrieb - ein herrliches Buch. Und Noa Noa ist der Name der Einheimischen für ihre Insel und bedeutet so viel wie "Duftendes Land", für Roger Willemsen "Die Insel der Seligen".

Inzwischen stosse ich öfters auf seine Werke, habe unlängst das Interview mit Timothy Leary (ausgezeichnet) gesehen und jetzt die Ankündigung für Karl-May Poesie. Da bin ich neugierig. 

Persönlich gesehen haben ich Roger Willemsen, als wir uns einmal zufällig am Stuttgarter Flughafen zulächelten. Er war wohl in Eile, überquerte die Strasse und ich stoppte, um ihn vorbeizulassen. Ich erinnere mich daran nur, weil die im Auto anwesenden Herren (Geschäftsführer eines Technologieunternehmens) mich erstaunt fragten, ob wir uns kennen würden. Es schien ihnen ungewöhnlich, daß nicht persönlich bekannte Menschen freundlich miteinander kommunizieren. Diese deutsche Eigenschaft (kenne ich nicht, grüsse ich nicht) habe ich immer wieder mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Ich unterhalte mich auch gerne in der Warteschlange am Checkin mit wildfremden Leuten, ohne sie jemals wieder zu sehen oder das zu wollen, und viele Leute sind darüber wiederum verwundert.
   
Dein Günter

 


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