Zufälle, Kafka, oder der Prozess

Es ist der 30. Januar und es regnet in Algarve seit 1 Monat. Ich sitze zuhause, habe den Salamandra (so nennt man hier die Holzöfen) an und 24° Raumtemperatur. Habe etwas Wasser aus dem Pool gelassen, der läuft bald über. Keine Lust mehr zum Internet, schalte den Fernseher ein. Tarzan, der Kater liegt am Sofa und genießt die Wärme. Auf dem Sofatisch: Ein Teller mit Bananenresten meines Sohnes und das Buch Kafka. Zum Jahreswechsel bei 2001 gekauft, so etwa 1/3 gelesen, die Romane Amerika, der Prozess gerade zu Ende und jetzt das Schloss angefangen, die Romane Kafkas ähneln sich. Nein, ich bin 57 und habe Kafka bis jetzt noch nicht gelesen, ich lese ihn zum ersten Mal. Voller Vorurteile, denn über wen sonst gibt es Adjektive wie „kafaesk“. Und er war Tscheche, also wohl ein Landsmann von mir. Warum habe ich ihn bisher nicht gelesen? Nun, weil es in meinem Leben zu unterschiedliche Entwicklungen und Strömungen gab, die mich immer wieder vom Lesen abgehalten haben, und ich befürchte, vielen Andere, die sich heute als fleißige Menschen ihrem Berufsleben widmen, tun das auch, ohne Kafka gelesen zu haben, aber sie sollten es besser lassen. Ohne Kafka, das vorweg, versteht man nichts vom Leben, und ich habe immer geglaubt, etwas vom Leben zu verstehen. Es ist so wahr, er ist der erste, der die Welt beschreibt, wie sie wirklich ist, wie ich sie erlebt habe, und ich hätte mich nie getraut, die Dinge so zu beschreiben, wie er sie richtig darstellt, denn jeder hätte mich für verrückt erklärt. Aber nicht seine Darstellung ist verrückt, auch die Welt ist nicht verrückt, sie ist nur wie sie ist, und wir haben oft den dummen Wunsch, sie solle anders sein. Kafkas Beschreibungen sind keine Albträume, unser optimistischere Wahrnehmung der Dinge sind vielmehr Wunschträume.

Nun er tut mir gut, dieser Franz Kafka. Ich sollte den Abend nutzen um weiter zu lesen, das Schloss, aber ich habe Lust, etwas Dummes im Fernsehen anzuschauen., und tatsächlich schaue ich einige Minuten in Soaps, Nachrichten, (da kam gerade der Eklat mit Erdogan und Israel), Dokumentationen und dann, plötzlich, gerade wollte ich diese dumme Unterhaltungskiste ausschalten, da sehe ich im ZDF Theaterkanal einen Film, nicht von Anfang, dessen Dialoge mir bekannt vorkommen. Das ist doch…… nein, das wäre ja…... doch….tatsächlich, …… na so ein Zufall….. es ist „der Prozess“. Wie hat Kafka es geschafft, diesen Film gerade heute Abend ins Fernsehen zu setzen?

Ich habe Vorurteile, auch und gerade gegen verfilmte Literatur. Ich hätte den Film nie angeschaut, wenn ich nicht gerade, aber auch wirklich gerade eben das Buch gelesen hätte. Wie oft haben die Visualisierungen anderer meine eigenen Visualisierungen überlagert, verdrängt, übertüncht. Beim Lesen habe ich oft gedacht: Kann man sowas überhaupt verfilmen? Aber dieser Film ist super. Er ist natürlich in den Dialogen gekürzt, aber der Regisseur, wer immer es ist, ist sehr respektvoll mit dem Stoff umgegangen, er hat etwas Gutes daraus gemacht. Für den, der das Buch kennt.- Wer es nicht kennt, sollte auch diesen Film nicht sehen, erst lesen!

Als ich das Buch las, fielen mir die vielen Parallelen ein, die die Handlung und mein Leben hatten. Ich habe derzeit einen drei Jahre währenden Disput mit einem untergeordneten Gerichtsbeamten in München, der mich sicher die nächsten 10 Jahre mit unsinnigen Anordnungen malträtieren wird. Es geht um nichtige Dinge in Zusammenhang mit Gesellschaftsrecht, in denen kein Schutzbedürfnis des Staates oder seiner Büger zu erkennen ist. Es geht nur darum, dass ein Gerichtsbeamter dem dummen Bürger zeigt, dass die Ding nicht so gehen, wie sie logisch und richtig sind, sondern, auf für den Bürger unverständliche und fremde Weise, nach Gesetzen einer fremden und undurchdringlichen Macht abzulaufen haben.

Dieser Herr wird aber jedenfalls am Ende nicht zwei Schauspieler mit einem Messer zu mir schicken. Oder?

Und da ich mich gerne kritisch zum Fernsehen äussere, hier auch mal was Positives, der ZDF Theaterkanal ist super! 

Natürlich gibt es eine Reihe anderer Verfilmungen, u.a. von Orson Welles von 1962, aber das wusste ich ja gestern noch nicht.

Günter Lukas, Portugal, 31. Januar 2009

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