Die Welt am Sonntag veröffentlichte am 16. November 2008 eine Sonderbeilage zur Finanzkrise: "Warum die Krise uns alle angeht."

Darin wir der Versuch unternommen, die Finanzkrise, ihre Ursachen und Folgen leicht, für Kinder verständlich zu erklären. Als Stilmittel liess man sich ein Mädchen namens "Maxima" einfallen, das durch die Beilage führt. Drei Kinder durften Josef Ackermann interviewen.

Ein gut gemeinter Beitrag, um die Panik auf den Märkten zu beschwichtigen. Der Kernsatz: "Es hilft schon, wenn alle Leute nur daran glauben, daß alles wieder gut wird."

Wurde diese Beilage als Image-Kampagne von der Deutschen Bank bezahlt? Gleichgültig! Viele Fragen, die Jungendliche wohl stellen würden, wurden jedenfalls nicht gestellt, und viele junge Menschen würden sich mit den von Ackermann und den Journalisten gegebenen Antworten nicht zufrieden geben.

Wir haben daher zwei junge Leute, Claus, 16 und Janine, 15, gebeten, doch noch mal nachzufragen. Da Herr Ackermann aus Zeit- und Befangenheitsgründen nicht in Frage kam, haben sie Herrn Beckermann gefragt, Betriebswirt und Mitarbeiter der Kaufmännischen Abteilung eines Unternehmens.

Claus: Herr Beckermann, Sie haben die Sonderbeilage gelesen, uns ist aber noch vieles unklar. Da wird immer von Schulden geschrieben, und daß es grundsätzlich schon in Ordnung ist, Kredite aufzunehmen. Aber kann man denn nicht eigentlich nur Geld verleihen, das man hat?
Beckermann: Ja, das war der eigentliche Grundgedanke bei Banken. Manche Leute haben Geld, das sie auf die Bank bringen. Sie erhalten Zinsen. Die Bank leiht das Geld anderen, die es brauchen und nimmt dafür Zinsen ein. Die Differenz zwischen den Guthaben- und den Kreditzinsen sind der Gewinn der Bank. Aber damit sind die Gewinne, und somit auch die Vergütungen für die Bankmanager natürlich limitiert. Und so kamen sie auf die Idee, sich noch woanders, und eben auch bei anderen Banken Geld auszuleihen und es denen dann über Umwege wieder zurückzuleihen. Das erhöht die Umsätze, die Bilanzsummen, die Bedeutung der Bänker und manchmal auch die Gewinne.

Janine: Wieso erhöht das die Gewinne?
Beckermann: Nun, natürlich nicht wirklich. Aber es lassen sich durch dieses Hin-und Herbuchen Risiken verdecken, und damit Gelder billiger ausleihen und teurer verleihen, als es sonst möglich wäre. Aber das geht natürlich nicht ewig. Wenn man zwischendurch einen Kassensturz machen würde, dann würde man merken, daß das, was eine Bank mehr gewonnen hat, eine andere verloren hat.

Claus:
Herr Ackermann wünscht sich für seine Bank eine Kapitalrendite von 25%. Kann irgendein Unternehmen der Welt so viel Rendite erwirtschaften?
Beckermann: Eindeutig nein. Wenn jemand so hohe Gewinne macht, dann verliert jemand anders entsprechend.

Janine:
Nun sind ja mehrere Banken pleite, und können nur noch mit staatlicher Hilfe überleben, Lehman Brothers ist ganz pleite gegangen. Heisst das, daß die Bankpleiten das Ergebnis unsinniger Renditevorgaben der eigenen Branche sind?
Beckermann: Das habt Ihr erstaunlich gut herausgefunden. Bei der Betrachtung der Bankgewinne müsste man ja tatsächlich die Gewinne aller Banken in guten Zeiten mit den Verlusten aller Banken in schlechten Zeiten verrechnen. 

Janine:
Warum hat das Herr Ackermann nicht geantwortet?
Beckermann: Herr Ackermann ist Chef der Deutschen Bank und ein Repräsentant des Gewerbes. Sein Einkommen von 14 Mio. Euro bekommt er deshalb, weil er Argumente findet, dieses Bankensystem so zu belassen wie es ist, und weil er sehr gut andere Menschen, insbesondere Politiker, davon überzeugen kann, daß alles so richtig ist und das jetzt nur ein bedauerlicher Unfall war.

Claus:
Im Rahmen der Lehman Pleite hat die KfW, eine Staatsbank, 300 Mio Euro Staatsgelder an das bereits insolvente Unternehmen bezahlt. Die Vorstände dieser Bank haben auch Millionenbeträge an Gehältern bekommen. Müssen sie die jetzt zurückzahlen?
Beckermann: Nein. Das Risiko eines Bänkers, der ja Angestellter seiner Bank ist, beschränkt sich darauf, in schlechten Zeiten weniger Boni bezahlt zu bekommen. Die in guten Zeiten bereits erhaltenen Vergütungen sind davon nicht betroffen.

Janine:
Das ist aber doch unlogisch, wenn die schlechten Zeiten ein Resultat der vorherigen guten Zeiten sind.
Beckermann: Stimmt, aber so ist halt unser Bankensystem, und die überlebenden Banken haben natürlich kein Interesse, das zu ändern.

Claus:
Herr Ackermann erwähnt in dem Interview, daß die staatlichen Hilfen für die Banken ja vom Steuerzahler, d.h. von unseren Eltern bezahlt werden. Heisst das, es gibt jetzt Steuererhöhungen?
Beckermann: Nein, die konjunkturelle Lage lässt Steuererhöhungen nicht zu.

Claus:
????
Beckermann: Naja....

Claus:
Wo kommen dann diese 500 oder wieviel Milliarden her?
Beckermann: Der Staat macht neue Schulden.

Janine:
Und wer zahlt diese Schulden zurück?
Beckermann: Ihr selbst, vielleicht Eure Kinder, aber jedenfalls nicht Eure Eltern.

Janine: Entschuldigung, aber das will ich nicht. Frau Merkel hat mich nicht gefragt, ob ich eines Tages noch mehr Schulden haben möchte.
Beckermann: Naja, aber natürlich wollen die Banken gerettet werden. Im Übrigen seid Ihr ja sowieso bereits mit fast 20.000 Euro pro Kopf verschuldet.

Claus: ....Wie?.....Was wurde denn mit diesem Geld gemacht?
Beckermann: Strassen gebaut, Militärausgaben finanziert, Beamte bezahlt, alles, was der Staat halt so macht.

Janine:
Und von wem hat sich der Staat dieses Geld geliehen?
Beckermann: Zum Teil von den Bürgern, von Banken, und von anderen Saaten.

Claus:
 Heisst das, daß die Staaten das Kreditspiel, das zu den Bankenpleiten geführt hat, auch von Staat zu Staat betreiben?
Beckermann: Ja, in gewissem Sinne schon, aber mit höherem Volumen.

Claus:
Das heisst doch, daß es auch zu einem Staatencrash kommen kann, daß auch Staaten pleite gehen können?
Beckermann: Theoretisch ja, vor allem, wenn sie sich gegenseitig Geld leihen und die Bonität falsch einschätzen. Die Ratingagenturen, die die Solvenz der Staaten beurteilen, sind aber von den  Staaten abhängig.

Janine:
Wieso theoretisch, Island ist doch pleite!
Beckermann: Ja, aber es wird wieder  auf die Beine kommen, es hat ja Rohstoffe etc....

Claus:
 Hat Deutschland Rohstoffe?
Beckermann: Kaum

Claus:
  Das heisst ein Staatbankrott in Deutschland hätte schlimmere Auswirkungen?
Beckermann: Wahrscheinlich schon.

Janine:
Warum unternehmen Politiker dann nicht etwas Grundlegendes, um das System zu verändern?
Beckermann: Systemveränderungen sind in Deutschland unpopulär. Politiker handeln ausserdem nach kurzfristigen Überlegungen bis zur nächsten Wahl. Bis dahin ist Deutschkland sicher nicht bankrott.

Claus:
Da haben sie aber viel mit Bänkern gemeinsam, die nur bis zur nächsten Bilanz schauen.
Beckermann: Naja, und es gibt ja kein Alternativsystem. Banken und Politik halten die Gesellschaft zusammen.

Janine
: Wissen Sie, Herr Beckermann, ich lese gerade ein Buch, das vor der französischen Revolution spielt. Und da haben die Leute auch gesagt, es stimmt zwar, daß das bestehende System nicht richtig funktioniert, daß sich die Aristokratie bereichert und das Volk hungert, aber eine Gesellschaft kann halt nur von Kirche und Aristokratie zusammen gehalten werden.
Beckermann: Aber das ist doch was ganz anderes.

Claus:
Mit Erwachsenen kann man nicht diskutieren.


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