Thomas Middelhoff im Gefängnis

Eigentlich hatte ich mir ja im Februar 2009 vorgenommen, gar keine Kommentare zu den politischen und wirtschaftlichen Vorgängen in diese Welt zu schreiben. „Sich Abwenden mit Grausen“ hieß die Devise, und heißt sie weiter für viele Mitbürger. Denn jeder kann erkennen, welche Dummheiten zu den heutigen Problemen geführt haben, und mit welchen Dummheiten die Verantwortlichen darauf reagieren. Daß sie versuchen würden, die Probleme zu lösen, die sie selbst angerichtet haben, ist nicht zu sehen. Das Verhalten der verantwortungslosen Verantwortlichen dient nur der Verschleierung und Rettung der eigenen Position.  
Nun ist also auch Karstadt/Quelle (den bescheuerten Namen Arcandor verwende ich nur mit Unwillen, das war ja nur einer dieser Middelhoff-Dummheiten) pleite. Nicht weil die Leute nichts mehr kaufen würden, oder weil sie in ihrem Geschäft, Waren einzukaufen und zu verkaufen, große Fehler gemacht hätten. Sondern weil Herr Middelhoff in klassischer Form des Mismanagement lauter Sachen gemacht hat, die ihm nutzen und dem Unternehmen schaden. Schließlich hat er sogar die Immobilienwerte an eine Firma veräußert, an der er beteiligt ist, und sie an seinen Arbeitgeber zu überteuerten Preisen zurückvermietet. Jeder Kaufmann weiß, dass solche „Sale-and-Lease-Back“ Geschäfte ausschließlich dem Initiator nutzen, der sich auf diese Weise legal das Vermögen anderer aneignet. Nichts desto trotz haben auch Bürgermeister in der BRD gegen jede kaufmännische Vernunft auf diesen Unsinn zurück gegriffen, um ihre Bilanz zu verschönen. Aber einen so eindeutigen Interessenskonflikt wie bei Middelhoff findet man nur selten, meist wird er besser versteckt. Und dann kommentiert dieser Herr: „Die Interessen von Arcandor standen immer im Vordergrund“. Seit wann wäre das je so gewesen, dass ein Manager die Unternehmensinteressen vor seine eigenen stellt?

Vor Jahren habe ich das Buch „Nieten in Nadelstreifen“ gekauft, es aber halb gelesen wieder ins Regal gestellt. Das war für mich überzogen, „Neidliteratur“. Denn damals war ich selbst noch im mittleren Management. Das ist die zweite und dritte Management-Ebene, die sich das Top-Management in einer Schein-Solidargemeinschaft hält. Der aufstiegswillige Manager der zweiten und dritten Ebene wird in der Illusion gehalten, er könne auch in die Millionenklasse aufsteigen, wenn er sich nur anständig benehme. Dazu gehört: Wissen und Schweigen. Dazu gehörte bei Siemens: zu der allen bekannten Korruption die Klappe halten. Die persönlichen Interessen des Vorgesetzen ausloten und ihm so zuzuarbeiten, dass dieser SEINE Ziele erreichen kann. Das waren natürlich nie Unternehmens-, sondern Karriereziele, bis dahin, einen Konkurrenten im Haus zu desavouieren und auszubooten. Also zu glauben, dass die Speckschicht der Wirtschaft, diese Ausbeuter sowohl der Angestellten als auch der Besitzer, das sogenannte „Top-Management“ jemals die eigenen Interessen für Unternehmensinteressen zurückstellen würde, ist naiv.

Beispiele? Die Versager bei KfW, die an die bereits pleite gegangene Lehmann Brothers 300 Mio. € überwiesen haben, aber, anstatt mit Anstand zu versuchen, einen Teil des Schadens auszugleichen, die Fortzahlung ihre Gehalts erstreiten. Welch moralisches Vorbild.

Ja und natürlich der Superstar unter den Egomanen, Wendelin Wiedeking. Der hat ja nur versucht, seinen Chef, den Milliardär Piech noch reicher zu machen, indem er über hochriskante Spekulationen VW übernehmen wollte. Nun wird man sagen: Da ist doch sein Job, seine Aktionäre reich zu machen. Ja, nach der Pseudomoral der Pseudowirtschaft der letzten Jahrzehnte, die in der Hauptsache von gierigen Investmentbänkern getrieben wurde. Als operativer Chef eine Automobilhersteller aber ist es seine Aufgabe, Mitarbeiter und Aktionäre in seinem Kerngeschäft zufrieden zu stellen, und das ist der Bau von Sportwagen. Und das hat er ja auch ganz gut gemacht. Aber dann ist er den Verlockungen des Kapitalmarkts, des Zockens verfallen, und nun streiten sich die beiden, Piech und Wiedeking in höchst lächerlicher Weise. In jedem Fall hat Wiedeking mit seiner Zockerei die finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit der Firma Porsche verspielt. Dafür ist er Schadensersatzpflichtig.

Wird er belangt werden? Nein, insofern ist meine Überschrift Wunschdenken. Wie zum Zumwinkel und den anderen Ganoven in Nadelstreifen wird man eine Lösung finden. Und Middelhoff wird auch nicht ins Gefängnis müssen, leider. Er wird auch nicht für den angerichteten Schaden aufkommen.

Und die Neuregelungen im Finanzmarkt? Da man weiß, dass der gesamte Derivatemarkt keinerlei volkswirtschftlichen Nutzen bringt, aber die jetzige Weltkrise hervorgerufen hat, könnte man ihn einfach verbieten. Und damit in Zukunft Gewinne dort lassen, wo sie gebraucht werden, in den Unternehmen. Im Jahr 2006 sind 60% der Unternehmensgewinne bei Banken angefallen. Und jetzt durch noch grössere Verluste wieder zerstört worden. Dafür haben die produzierenden Unternehmen zu wenig Eigenkapital.

Fachleute sprechen sich heute für mehr Wettbewerb, für kleinere und überschaubarere Banken aus. Welcher Teufel reitet da die Politiker, dass sie die Übernahme der  gesunden Postbank durch die Deutsche Bank zulassen, und durch die Über Kreuz Beteiligung sogar indirekt subventionieren? Um Herrn Ackermann, der ja mit seiner Vorgabe von 25% Eigenkapitalrendite den Finanzwahnsinn mit geschürt hat, eine Freude zu machen?

München, 21. Juni 2009-06-21


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